Kennst du das? Du weißt, was richtig ist, aber die Firmenkultur sagt: Pass dich an.
- Bewusste Arbeitswelten

- 17. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Juli

Ich hörte gerade das Lied „Glaub an Dich“ von BearyTunes. Es hat mich an ein Gespräch im Urlaub erinnert und an die Frage, warum es Menschen so schlecht geht, wenn ihre Werte in Frage gestellt werden, sie sich anpassen sollen, nur um dazugehören zu dürfen.
Diese Frau, Anfang 50, Führungskraft, erzählte mir von ihren Erfahrungen in ihrem
Job. Davon, wie sie sich über viele Jahre immer wieder verbiegen musste, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Doch dann traf sie, durch Zufall oder auch nicht, eine besondere Frau, ihre heutige Coachin. Diese erklärte ihr, welche Bedeutung persönliche Werte haben und was es mit Menschen macht, wenn sie diese aus Angst vor Jobverlust verleugnen.
Aber warum haben Menschen überhaupt solche Angst, ihren Job zu verlieren?
Sie erzählte von Existenzängsten, einem fehlenden Selbstwertgefühl und davon, lange nicht gewusst zu haben, wer sie eigentlich wirklich ist.
Die Coachin arbeitete mit ihr und ging gemeinsam mit ihr zurück in ihre Kindheit. Dorthin, wo ein Kind eigentlich Sicherheit erleben, geliebt werden und einfach so sein darf, wie es ist. Doch da waren Eltern, die selbst nie gelernt hatten, authentisch sein zu dürfen, Liebe zu zeigen oder ihrem Kind sicheren Halt zu geben.
So trug diese Frau ihr Leben lang einen Riss in ihrer Seele. Sie hatte gelernt: Ich genüge nur, wenn ich gehorche und leiste. Nur dann werde ich gemocht.
In meiner Business-Coaching-Praxis begegnen mir immer wieder ähnliche Muster und Lebensgeschichten. Sie scheinen ein wichtiger Baustein dafür zu sein, warum manche Frauen bereits Anfang 30 erste Burnout-Symptome oder depressive Belastungen entwickeln..
Doch was hat das alles mit unseren Werten zu tun?
Wir alle haben eine eigene Wertevorstellung. Was ist uns wichtig? Persönlich, zwischenmenschlich, beruflich, lebensphilosophisch oder emotional?
Gleichzeitig arbeiten wir in Unternehmen oder Organisationen, in denen Menschen mit ihren eigenen Prägungen und Verletzungen Verantwortung tragen. Es sind oft Führungskräfte, die weder Menschen sehen, Potenziale erkennen noch Entwicklung ermöglichen können. Häufig fehlt ihnen selbst die Erfahrung, gesehen, wertgeschätzt und in ihrem eigenen Potenzial gefördert worden zu sein. Unbewusst geben sie deshalb weiter, was sie selbst erlebt haben.
Stoßen die eigenen Werte auf die unbewussten Muster eines Vorgesetzten oder einer Vorgesetzten, entstehen Situationen, die Arbeitnehmer zwingen, über sich selbst nachzudenken.
Die Frau erzählte weiter, dass sie vor einiger Zeit in ein Führungsverhalten gedrängt wurde, das nicht ihren Werten entsprach. Zunächst setzte sie es um.
Doch irgendwann rebellierte etwas in ihr. Sie konnte das nicht mehr.
Sie zog sich zurück, sprach mit ihrer Coachin und entschied sich schließlich, eine klare Grenze zu setzen und ihre Führungsrolle wieder im Einklang mit ihren Werten auszufüllen.
Die Konflikte in ihr selbst und mit ihrem Team lösten sich. Sie entschuldigte sich bei ihren Mitarbeitenden und erklärte offen, was passiert war. Sie fühlte sich wieder leichter und authentischer.
Die Energie im Team konnte wieder fließen.
Das ist eine wahre Geschichte einer Führungskraft. Einer Frau, die mit Unterstützung ihrer Coachin erkannte, dass sie ihre Werte nicht länger ignorieren darf und dass sie genauso gut ist, wie sie ist.
Sie führt empathisch, respektvoll und auf Augenhöhe. Sie sieht ihre Mitarbeitenden als Menschen und nicht als Objekte.
Doch was hat da eigentlich in ihr rebelliert?
Um das herauszufinden, möchte ich hier einen Einblick in die psychologische Ebene hinter diesem Erlebnis geben und die Frage damit beantworten.
Die philosophische Dimension: Wenn Werte auf Macht treffen
Die griechischen Philosophen nannten es Akrasia, die Schwäche des Willens. Ein Phänomen, bei dem wir wissen, was richtig ist, und dennoch das Falsche tun.
Doch in der Arbeitswelt geht es oft gar nicht um fehlende Willenskraft, sondern um Machtgefälle. Um Systeme, die uns zwingen, zwischen Moral und Gehorsam zu wählen.
Sokrates sagte: „Das ungeprüfte Leben ist nicht lebenswert.“
Vielleicht würde er uns heute fragen: „Was ist ein Leben wert, wenn wir dafür unsere eigenen Werte verraten müssen?“
Kant formulierte später den kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Doch was hilft uns das, wenn wir morgen wieder zur Arbeit gehen und uns fragen: Soll ich schweigen oder meinen Job riskieren?
Die psychologische Dimension: Was es mit uns macht, unsere Werte zu verraten
Wenn wir gezwungen werden, gegen unsere Überzeugungen zu handeln, passiert in uns weit mehr, als wir oft glauben.
Unser Gehirn strebt nach innerer Stimmigkeit, nach Kohärenz. Wenn wir gegen unsere Werte handeln, geht dieses Gefühl von Stimmigkeit verloren. Genau dieser Spannungszustand wird in der Psychologie als kognitive Dissonanz bezeichnet.
Doch wie kommen wir aus dieser kognitiven Dissonanz wieder raus? Dafür gibt es verschiedene Wege:
Lösung 1: Wir ändern unser Handeln und stehen zu unseren Werten.
Lösung 2: Wir verändern unsere Bewertung und rechtfertigen unser Verhalten: „Es war ja gar nicht so schlimm.“
Lösung 3: Wir verdrängen den Konflikt. Daraus können Zynismus, innere Kündigung, chronischer Stress oder Burnout entstehen.
Es kann außerdem zu einer moralischen Verletzung (Moral Injury) kommen, einer tiefen seelischen Wunde, die entsteht, wenn wir gegen unser moralisches Empfinden handeln müssen.
Mögliche Folgen sind Schuldgefühle, Scham, Wut, Ohnmacht und ein schwindendes Vertrauen in uns selbst. Langfristig kann dies das Risiko für Depressionen, Angststörungen oder chronischen Stress erhöhen.
Seine Werte zu verraten bedeutet oft auch, ein Stück seiner Authentizität zu verlieren.
Wer bist Du noch?
Jedes Mal, wenn Menschen ihre Werte verleugnen, entfernen sie sich ein Stück weiter von sich selbst.
Eine Frage: Wenn du jeden Tag etwas tust, das nicht zu dir passt, wer bist du dann noch?
Es beginnt eine Spirale der Anpassung. Schweigen wird zur Gewohnheit. Der Mensch verliert sich.
Sich selbst zu verlieren fühlt sich an, als würde etwas in Dir sterben. Dabei ist jeder doch genau so richtig, wie er ist. Erst wenn du dir selbst treu bleibst, kannst du dich als Ganzes erleben.
Wer oder was ist es wert, sich selbst dafür aufzugeben?
Was kannst du also tun?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber es gibt Wege, die Dir helfen können, dir selbst treu zu bleiben, auch in einem System, das Dich zur Anpassung drängen will.
Das Wichtigste ist, zu erkennen: Es ist nicht deine Schuld. Aber es ist deine Verantwortung.
Du bist nicht verantwortlich für das System. Aber du trägst Verantwortung dafür, wie du darauf reagierst.
Frage dich: „Was würde ich meinem Kind raten, wenn es in dieser Situation wäre?“
Vermutlich würdest du ihm sagen, dass es so handeln soll, wie es sich für es richtig anfühlt. Oft meldet sich unsere Intuition sehr klar. Es lohnt sich, ihr aufmerksam zuzuhören.
Erinnere dich daran: Werte sind kein Luxus. Sie sind dein innerer Kompass.
In einer Welt, die ständig zur Anpassung auffordert, vergessen wir leicht, wer wir wirklich sind. Aber:
Deine Werte machen dich aus.
Deine Integrität macht dich stark.
Dein Mut macht dich unersetzbar.
Ja, es wird Momente geben, in denen du zweifelst. Momente, in denen du denkst: "Was bringt es, wenn ich die Einzige bin, die sich wehrt?"
Doch genau dann solltest du dich fragen: "Was bringt es, wenn ich aufhöre, ich selbst zu sein?"
Die gute Nachricht ist: Du hast immer eine Wahl. Auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlt.
Du kannst schweigen, aber du musst nicht.
Du kannst dich anpassen, aber du musst nicht.
Du kannst gehen, aber du musst nicht.
Die einzige Entscheidung, der du nicht dauerhaft ausweichen kannst, ist die Frage, ob du mit dir selbst im Reinen sein möchtest.
Zum Schluss möchte ich dir eine Frage mitgeben. Nicht, um sie für dich zu beantworten, sondern damit du sie dir selbst stellst:
Wenn du morgen aufwachst und feststellst, dass du deine Werte verraten hast, könntest du dir dann noch in die Augen schauen?
Denn am Ende geht es nicht darum, perfekt zu sein.
Es geht darum, dir selbst treu zu bleiben, auch dann, wenn die Welt um dich herum es gerade nicht ist.
Autorin: Simone Ahrens-Mende
Psychologische und philosophische Grundlagen dieses Artikels: Leon Festinger (1957): A Theory of Cognitive Dissonance · Aaron Antonovsky (1979): Health, Stress and Coping · Carl Rogers (1961): On Becoming a Person · Jonathan Shay (1994): Achilles in Vietnam · Brett Litz et al. (2009): Moral Injury · Aristoteles: Nikomachische Ethik · Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.
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